„Das war eine tolle Leistung“

Digitalisierung - Wie hat die Energiewirtschaft in puncto Home-Office und mobilem Arbeiten in der Corona-Krise reagiert. ZfK-Gespräch mit den beiden EVU-Experten Dirk Stieler und Joachim Richter von der Unternehmensberatung Axxcon.

Die Corona-Krise dürfte vor allem für die Digitalisierung eine Chance sein. Wie sehen Sie hier die Branche aufgestellt?

Dirk Stieler: Aktuell wird die kurzfristige Einführung von mobilem Arbeiten mit »Digitalisierung« verwechselt. Sicher werden die aktuellen Erkenntnisse die Digitalisierung fördern – man wird erkannt haben, dass viele Standardprozesse noch nicht ausreichend digitalisiert sind und deshalb künftig auch hier ansetzen. Ich erwarte, dass sogenannte Leuchtturmprojekte zugunsten einer Digitalisierung der täglichen Routine überprüft werden. Die deutschen Energieversorger stecken noch mitten in der Digitalisierung und bewegen sich dabei eher im Mittelmaß, optimieren ihre Geschäftsmodelle und verfolgen oft eine Follower-Strategie. Insgesamt läuft die Digitalisierung hier verhalten, irgendwo zwischen Risikoaversion und Innovationsdruck sitzen sie in der Falle.

Hat sich durch Corona etwas an den Anforderungen für die IT-Systeme verändert?

Joachim Richter: Ja, unbedingt! Zum einen stellen alte und proprietäre Back-End-Systeme nun ganz klar künftig ein Problem dar. Die Corona-Krise zeigt, wie wichtig es bei IT- Systemen ist, dass eine Nutzung von Online-Arbeitsplätzen gegeben sowie eine Integration in Online-Workflows und moderne Sicherheitstechnologien möglich ist. Von einem Home-Office wird nun weit mehr gefordert, als nur die Firmen-Emails lesen zu können und mal an einer Telefonkonferenz teilzunehmen. Auch analoge Prozessschritte, die Papier benötigen – wie Unterschriftenläufe, Belegerfassung – müssen nun digital abgewickelt und automatisiert werden.

Anwenderseitig müssen die Unternehmen jetzt dafür sorgen, dass ausreichende Hardware, also Laptops, Telefone, Headsets, bereitgestellt werden. Denn die Mitarbeiter sind nicht verpflichtet, ihr privates Equipment für das Unternehmen zu nutzen. Dies stellt ohnehin ein unkalkulierbares Sicherheitsrisiko dar und ist inakzeptabel. Als Nächstes geht es darum, Software bereitzustellen, die so konfektioniert ist, dass sie den Anforderungen an die Tätigkeiten des jeweiligen Home-Office-Arbeitsplatzes gerecht wird. Den Grundbedarf kann man über Lösungen wie »Microsoft 365« abdecken, aber Spezialaufgaben benötigen angepasste Lösungen. Genau hier wird es auch schon schwieriger und es müssen unter Umständen individuelle Lösungen konfektioniert werden, die es eben nicht von der Stange gibt.

Welche Eigenschaften muss ein EVU heutzutage erfüllen um zukunftsfähig zu bleiben?

Dirk Stieler: Gefordert ist, im Rahmen der Möglichkeiten, Unternehmertum und nicht nur Verwaltung des Status Quo. Es gilt also, aktiv die technischen und organisatorischen Möglichkeiten zu nutzen. An der Entwicklung teilzunehmen und permanent die neuen Möglichkeiten in Bezug auf die Anwendbarkeit im eigenen Haus zu bewerten, ist eine wichtige Managementaufgabe.

Die Grundlagen zur Digitalisierung zu schaffen sind nicht günstig. Es gilt, einen etwaigen Investitionsstau aufzulösen und vorrangig mobiles Arbeiten oder auch Home-Office ein- zuführen. Dazu sollten Lesson-Learned-Workshops mit den eigenen Mitarbeitern durchgeführt und auch nicht-technische Maßnahmen wie Personalentwicklung und Weiterbildung berücksichtigt werden. Vielleicht ist auch die Personalpolitik anzupassen: Junge Menschen ins Unternehmen holen, die intern den nötigen Druck erzeugen, weil sie mit modernen Methoden und Tools arbeiten wollen, kann den internen Prozess der Erneuerung fördern.

Für das Management gilt es, eine schlüssige und ganzheitliche Digitalisierungsstrategie aufzubauen und diese dann auch konsequent durchzuhalten. Doch Vorsicht: Vieles anzufangen, aber wenig zu beenden, verschleißt Mitarbeiter und belastet auf Dauer die Ressourcen.

Welche Technologien werden jetzt wichtig?

Joachim Richter: Es sind mehrere Bereiche zu betrachten: Security, Online-Access, Ausstattung der Home-Offices, Cloudifizierung, Mitarbeiter-Collaboration und zuallererst die Sicherheitsanforderungen. Der gesicherte Online-Access auf das Firmennetzwerk bleibt einer der neuralgischsten Punkte. Dazu gibt es mittlerweile am Markt viele gute Lösungen, es sollte aber auf jeden Fall eine Zweifaktor-Authentifizierung zum Einsatz kommen, da einfach gesicherte Zugänge heute leider keinen ausreichenden Schutz mehr bieten.

Zur Home-Office-Ausstattung: Die einfachste und verbreitetste Variante ist, mit einem gesicherten Firmenlaptop via VPN zu arbeiten. Allerdings kann dies auch Nachteile mit sich bringen, etwa wenn noch der Zugriff auf Legacy-Systeme oder speziell abgesicherte Bereiche notwendig wird. Hier bieten »virtuelle Desktops« eine Lösung. Der radikalste, aber vermutlich zukunftsträchtigste Ansatz wäre, die IT so weit wie möglich in die Cloud zu verlegen. Damit meine ich primär ein hybrides Cloud- Konzept mit einem Mix aus On-Premise- und Public-Cloud-Komponenten. Das eröffnet komplett neue Konzepte und Möglichkeiten und mindert den Druck auf die eigene IT, mit den stetigen Neuerungen in diesem Bereich mitzuhalten, da man sich beispielsweise über klar definierte Anforderungen mit kompetenten Providern kontinuierlich zukunftssicher hält. Als Nächstes geht es um die Zusammenarbeit der Mitarbeiter: Man wird zukünftig ohne Collaboration-Software nicht mehr auskommen. Der schnelle Austausch von Dokumenten, Kommunikation per Video und Chat ist künftig essenziell. Beim Thema Collaboration-Tools taucht allerdings neben den technologischen Problemen auch ein signifikantes kulturelles Problem auf: Dem einen oder anderen Mitarbeiter wird es schwerfallen, sich hier mit seinen traditionellen Arbeitserfahrungen zurechtzufinden. Wenn dieses Thema nicht ebenfalls adressiert wird, wird man die volle Leistungsfähigkeit der Technologie nicht ausschöpfen können.

Was hat Sie an der Krise überrascht?

Joachim Richter: Am meisten überrascht hat mich die flächendeckende Akzeptanz der Maßnahmen – und auf unser Thema bezogen die schnelle Akzeptanz, aus dem Home-Office heraus zu arbeiten – trotz aller Schwierigkeiten! Das hat mich in diesem Umfang wirklich beeindruckt. Nun muss man aus den Lernerfahrungen Konsequenzen ziehen, um in Zukunft für Krisen gewappnet zu sein. Positiv ist mir zudem eine erheblich gestiegene Toleranz bei familiären und alltäglichen Nebengeräuschen während der Telefon- oder Videokonferenzen aufgefallen.

Dirk Stieler: Die Leistungsfähigkeit der internen IT-Bereiche, wenn diese wirklich gefordert sind, war schon beeindruckend. Aus dem Stand die – nicht immer eigenen! – Versäumnisse der Vergangenheit aufzuarbeiten und viele Mitarbeiter für das Home-Office oder mobiles Arbeiten auszustatten – das unter gleichzeitigem Ausbau der Infrastruktur – war eine tolle Leistung. Dabei ist sicherlich auch die Wertschätzung der IT-Experten im eigenen Haus gestiegen. Die Flexibilität und Motivation der Mitarbeiter in den mir bekannten EVU war so nicht erwartet worden. Eines wurde auch deutlich: Low Performer sind auch in der Krise Low Performer und bremsen gute Ideen und erforderliches Vorgehen gern aus. Im Ergebnis zeigen die EVU bisher eine gute Organisation, wenig Panik und einen bedachtsamen Umgang mit der Krise.

Das Interview führte Stephanie Gust von der ZfK (Quelle: ZfK, April 2020)

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